14.07.2010 • Posted by 
Stimmung:
verwirrt
Es ist noch gar nicht so lange her, als sehr vieles in meinem Leben geschah. Und heute in einem Forum wurde ein Thread zum Thema “Zivilcourage” erstellt und da ist mir sofort meine eigene Geschichte eingefallen.
Da ich den Artikel heute morgen auf Arbeit bereits für das Forum verfasst hatte, werd ich das einfach mal hierher kopieren.
Also mir is am Gründonnerstag 2005 mal was passiert. Meine ehemalige Beste Freundin und ich hatten grad Ferien und wir wollten an so nem Trampelpfad (“Schneckenweg”) oberhalb der Elbe ein Referat über die Kuba Krise für Geschichte ausarbeiten. Es war grad wieder Hochwassersaison, deshalb waren die die Fussgängerwege entlang der Elbe überschwemmt.
Irgendwann fiel mir dann so ein Mann ins Auge, mit violetter Jacke und taumelte durch das kniehohe Wasser. Ich so zu Patchi: “wenn der gleich hinfällt, haben wir ein Problem.”
Und sie dann total locker: “Ach quatsch.”
Also man sah ihm eindeutig an, dass er betrunken war. Während Patchi mich also weiter zutextete, konnte ich die Augen nicht von dem Typen lassen. Mir gingen so sämtliche Szenen durch den Kopf, was passiert, wenn …
Und dann ging alles sau schnell. Er fiel mit dem Gesicht voran ins Wasser und bewegte sich nicht mehr … ich bin sofort aufgesprungen und losgerannt und brüllte noch zu Patchi sie soll die Sachen packen. Mir war in dem Moment auch scheiß egal, dass das Wasser arschkalt war, und ich knietief mit Schuhen und Socken in der Elbe stand. Ich wollte einfach nur den Typen da raus holen.
Patchi kam dann mit meinem Rucksack und wusste nich was sie machen sollte ich hab nur gesagt, dass er total schwer ist und irgendwie nich ganz bei Sinnen und dass sie Hilfe holen sollte.
Sie lief dann wieder die Treppen hoch und ich sah nur, wie oben so 10-15 Leute zusammen waren und sich wegdrehten, als sie uns sahen.
Ich rief dem alten Mann (ca. 50) immer wieder zu, ob er mich hörte und irgendwann als ich es geschafft hatte, seinen Kopf aus dem Wasser zu zerren, konnte ich auch seinen gesamten Körper stützen und er war ein paar cm größer als ich damals gewesen.
Ich hatte immer versucht mit ihm zu reden und irgendwelche Witze gerissen, gestützt und zur Treppe geführt, die wir dann hoch bis zum Elbpark gingen. Er wollte sich immer wieder losreißen – meinte, das Leben hätte keinen sinn und sowas … seine Alkoholfahne sagte mir dann auch, dass er betrunken war – und das nicht zu knapp. Er fummelte auch ständig mit der rechten Hand in der Innentasche seinerJacke und ich hatte Angst, dass dann ein messer an meiner kehle wäre … aber ich wollte ihn einfach nich loslassen.
Und es stimmt wirklich, in solchen Situationen hast du Kräfte, von denen du vorher nich mal wusstest, dass du sie hast.
Während er also immer versuchte aus meiner Klammerung zu flüchten und zurück zur Elbe zu gehen, kam mir Patchi entgegen und meinte, das keiner hilft und sie hatte im elbpark selbst, nur eine Frau gefunden die gerade saubermachte (die meinte später zu der lokalzeitung, dass sie das alles für einen Scherz hielt – ja sicher!) aber die meinte Patchi solle das Gebäude verlassen, sonst ruft sie den Sicherheitsdienst.
Patchi also vorne weg und ich mit dem Typen und meiner lockeren Zunge durch die Hühnerdorferstraße (Stadtgebiet oberhalb der Elbe), was einen längeren Weg darstellte, als wenn ich die ganze Zeit an der Elbe entlang gegangen wäre – aber meine Inuition sagte mir, dass ich den richtigen Weg ging. Zwischendurch hatte Patchi dann noch mal gefragt … aber keiner wollte helfen, obwohl die mich offensichtlich rumhächeln sahen. Und dann haben wir das kurz vorm ziel aufgegeben … da hatte dann eine einzige Frau gefragt ob sie helfen könne … aber da waren wir eh schon fast am ziel.
Wir wussten ja nicht wohin mit dem Typen … und am nähesten war nun mal die Polizeistation an der Elbe … was hieß, dass ich den Berg mit dem Mann runter gehen musste, und je näher wir wieder der Elbe kamen, desto mehr hatte ich damit zu kämpfen, ihn festzuhalten.
Und dann das nächste Problem: 6 Klingeln und wussten nicht welche wir nehmen sollten und klingelten bei der Wasserwache. da war zum glück einer da und die nahmen die den mann dann an. Patchi und ich sollten dann noch mal mit rein und das geschehen schildern.
Zuhause angekommen, fragte mich mein Vater lachend, ob ich Baden war und dann kam meine Mutter vom Einkaufen und dann hatte ich das erzählt – total am zittern.
Später am Abend schrieb ich einen Bericht für die Volksstimme (Lokalzeitung) aber anonym. Mit einer Beschwerde darüber das immer gesagt wird, dass die Jugend von heute nur an sich denkt, und das ich heute erfahren musste, dass es genau anders rum ist … dass junge Frauen mit einem betrunkenem Selbstmörder alleingelassen werden mit ihrem Schicksal.
Natürlich wollte die Zeitung dann gegenchecken, ob all das auch der Wahrheit ansprach, also musste ich notgedrungen doch noch meine Daten preisgeben. Später erhielten wir eine Nachricht, dass sie einen Artikel darüber verfassen wollen und dazu auch Fotos bräuchten und alles.
Ein knappes Vierteljahr später wollte die Stadt Tangermünde Patchi und mir zu Ehren eine Riesenveranstaltung (wie ich es empfand) auf unserm jährlichen Burgfest veranstalten, wo wir dann vor ein paar tausend Leuten vom Innenministerium geehrt werden sollten und der MDR sollte das auch übertragen und alles.
Aber das wollten wir nicht. Wir haben gesagt, dass uns dieses tamtam gar nicht interessiert und wir nur froh sind, dass der Mann noch lebt. Und die Stadt hatte dann aber solange gedrängt zumindest die Ehrung anzunehmen.
Dann sind wir im kleinen Kreis im Ordnungsamt zusammengekommen. Unsere regionaljournalistin war dabei, der Polizeichef und eine aus der Stadtverwaltung und halt Patchi und ich. Wir sprachen dann bei Kaffee und Kuchen noch mal darüber. Dann gabs die ehrung mit Urkunde und blah und gesülzt. Und wieder einen Artikel in der Zeitung.
Ein knappes Jahr später rief dann eine Journalistin von “echo der Frau” an und fragte mich darüber aus weil sie einen Beitrag über Zivilcourage abdrucken wollten und dahingehend halt auch wieder diese Geschichte. dann kam auch noch extra ein Fotograf vorbei – nach meinem 17. geburtstag und dann wurde diese Geschichte mal wieder abgedruckt und 2-3 Monate war sie dann wieder thema der Stadt und vor allem in der Schule, weil alle Lehrerinnen diese Zeitung gelesen hatten und alles.
Und am ende, fand ich diesen Medienrummel etwas zu krass, obwohl es ohne Zweifel ein schönes Gefühl war. Aber ich würd jeder Zeit wieder helfen, weil es einen Selbstmut und -vertrauen gegeben hat und auch dieses “du hast jemanden geholfen”-gefühl ist unbeschreiblich.
Ich hoffe, dass ich damit Mut geben kann und es nur ein Anruf – der kann auch Leben retten.
-
Mum
@ 23.08.2010, 18:18 Uhr
Nr. 1

Ich bin super stolz auf dich.
-
lui
@ 23.08.2010, 21:28 Uhr
Nr. 2

du bist toll





















2 Shouts